Startseite  - Impressum
Aktuelles
 

Rede vom 07.03.2017

Rede Betriebsversammlung 07.03.2017

Ulf Wittkowski für die alternative

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ich fange heute mal so an wie einige mich hier begrüßen: „Was hat der, bzw. die alternative, denn heute wieder zu meckern.“

Wir können das auch verstehen, während viele von Euch nicht wahrnehmen, dass wir für Euch jahrelang versuchen zu erarbeiten, welche Gefahren für unsere Arbeitsplätze und das gesellschaftliche Leben drohen. Das machen wir natürlich nicht ganz selbstlos, denn wir sind genauso davon betroffen wie ihr! Unser Wissen über diese Gefahren und Entwicklungen verpflichtet mich und meine Kollegen in der alternative immer wieder dazu, trotz vieler Rückschläge, weiter zu machen.

Wir wissen, dass unsere Interessen nicht die der Unternehmer sind!!! Um es platt zu sagen: die Unterschiede sind gravierend, man sagt auch, sie sind nicht zu vereinbaren. Doch durch die Entscheidungen der anderen Fraktionen im Betriebsrat stellen wir fest, dass es Gründe gibt, diesen Unterschied zu verdrängen.

Besonders bemerkenswert dabei ist, dass alle die sich als weitere Alternative anboten eher ihre eigene Perspektivlosigkeit demonstrieren. Sie haben zu nichts weiteren beigetragen als zu einer weiteren Spaltung, weil sie diesen Unterschied, genau wie die IGM Fraktion, leugnen.

Daher haben wir in den letzten Jahren immer wieder versucht, Euch über die Änderungen in der Gesellschaft und die Änderungen unserer Rechtsstellung im Betrieb, aufzuklären.

Wir haben das sowohl an gesellschaftlichen Themen wie auch an gewerkschaftlichen und betrieblichen Themen erarbeitet.

Immer wieder haben wir darauf hingewiesen, dass die gewerkschaftliche Politik nicht ehrlich ist. Sie nehmen in Veröffentlichungen dazu Stellung, dass sie gegen Leih- und Fremdarbeit sind, während die betriebliche Arbeit genau diese Arbeitsverhältnisse vorantreibt.

Wir haben ERA eingeführt, um Angestellte und Arbeiter gleich zu stellen; die Unterschiede aufzulösen. Wenn ihr hinseht, ist dies ganz und gar nicht gelungen. Es sollte die Löhne gerechter machen und die neuen Fertigkeiten mit in Betracht ziehen um sie lohnrelevant zu machen. Was daraus geworden ist wisst ihr. Ein riesiges Lohnkürzungsprogramm bei allen direkten Kollegen. Mitbestimmungsrechte sind aufgegeben worden, Arbeitsinhalte sind verändert worden, um Eingruppierungen nach unten zu drücken. Könnt ihr euch noch daran erinnern, es hieß an der Arbeit jedes einzelnen wird sich nichts ändern – Pustekuchen - die höherwertigen Arbeiten sind auf einige wenige Kollegen reduziert worden! Dies ließe sich weiter fortsetzen. Doch wisst ihr was wir gemacht haben? Wir haben diese Missstände immer wieder aufgeführt, in unseren Reden und Veröffentlichungen und unserem Handeln im Betriebsrat. Ihr könnt euch die Mühe machen und das auf unserer Seite nachlesen.

Wir haben gerade wieder ein Beispiel in der Betriebsratssitzung erlebt. Es ging um die Nichtgewährung von Urlaub, bzw. Urlaubssperre in den Monaten April und Mai. Die IG Metallfraktion hat mit der Werkleitung, um dies zu vermeiden, eine Betriebsvereinbarung zur Programmerfüllung ausgearbeitet. Sie sieht eine Erhöhung der Leiharbeit um 20 vor, dafür werden 5 Leiharbeiter fest eingestellt und es kann nun auch im April und Mai Urlaub genommen werden. Nun könnte man zufrieden sein, doch die Leiharbeit ist wieder ein Stück erweitert worden. Wir haben dies abgelehnt. Warum schließt man mit uns Verträge zur Flexibilisierung? Doch um handlungsfähig zu sein! Doch dies ist ein Irrglaube, das Unternehmen will die Arbeitskosten senken! Deshalb haben wir folgende Erklärung dazu abgegeben:

Wir, die alternative lehnen die BV ab, weil wir nicht noch mehr Leiharbeit im Werk Hamburg haben wollen. Für das Werk Hamburg sind 8% Leiharbeit, jetzt sogar im Jahresschnitt, vereinbart! Das ist genügend Flexibilität, um diese Zeiten abzudecken und nicht die Kolleginnen und Kollegen mit Urlaubssperren zu belegen. Doch anstatt diese hohe Flex Quote zu nutzen, wird sie zur Aufstockung der Belegschaft durch Leiharbeit genutzt. Das tragen wir nicht mit!

Doch mit dem Blick nur auf das eigene momentane Bedürfnis verspielen wir unsere Zukunft.

Deshalb haben wir alternative immer wieder Überstunden abgelehnt, die die Kapazität erhöhen. Doch leider ist das nun durch Sonderschichten zum täglichen Geschäft geworden. Wir müssen uns Jahr für Jahr erpressen lassen, damit wir Arbeit in das Werk holen. Unsere Auffassung, dass wir einen Arbeitsvertrag haben und das Unternehmen uns deshalb schon bessere Beschäftigung geben sollte, um auch mit unserer Arbeitskraft Geld zu verdienen, langt nicht mehr aus. Leider ist das Denken auch auf diese Stufe zurückgedrängt worden. Wäre es nach uns gegangen hätte Flexibilisierung bezahlt werden müssen, so laufen wir nur durch Anpassung nach unten hinter eine Arbeitsplatzsicherheit her, die es in einer sich verändernden Welt nicht gibt.

Es sei hier auch daran erinnert, dass es in der Gewerkschaft auch richtige und gute Ansätze gab unsere Sozialversicherung und Renten und damit unser Leben zu sichern. Das Stichwort ist „Maschinensteuer“, doch mangels Willen und Kampfkraft ist es eine Idee geblieben. Anpassen ist einfacher als kämpfen, doch ihr wisst ja, übrigens auch aus dem Gewerkschaftsjargon:

„Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren!“

Doch bedauern nützt nichts, es zeugt nicht gerade von Willen wenn man für seine guten Ideen nicht bereit ist zu kämpfen.

Doch immer wieder begegnen wir den Begriff „Gerechtigkeit“ oder auch „soziale Gerechtigkeit“. Es wäre schön, dies nicht nur bei Wahlkampfansagen zu hören und dann noch von Leuten, die gerade uns Arbeitenden mit Agenda 2010 stark geschädigt und eingeschüchtert haben. Allen, die dies wirklich wichtig ist, bevor wir vom Umbruch der Industrie 4.0 überrollt werden, sollten selber aktiv werden.

Kolleginnen und Kollegen

Wenn wir uns kundtun in Wort und Schrift geht es im Kern immer um die soziale Lage in Deutschland. Um die Angst der Menschen vor der Zukunft, um die Sicherheit der Arbeit, um die Sicherheit durch Arbeit, um die Angst vor dem sozialen Abstieg und um den empfundenen und realen Kontrollverlust.

Diese Sorge haben WIR zurecht!

Im Rennen um die Globalisierung haben die Politik und das Kapital in Deutschland sehr viel umgekrempelt und die Menschen dabei nicht oder nicht genügend mitgenommen. Siehe Agenda 2010, Hartz IV und Riesterrente.

Ein schlanker Staat mit maßvollen Steuern für die Unternehmen. Flexible und moderat bezahlte Arbeitnehmer haben in Deutschland dazu geführt, dass mehr Menschen einen Job haben. Ob Menschen dann aber von dieser Arbeit leben können und nicht „aufstocken“ müssen, wird von den Statistiken nicht erfasst. Ebenso ist prekäre Beschäftigung in der Arbeitslosenstatistik ein gerne verschwiegenes Thema der Politik.

Es soll auch nicht vergessen werden, dass „Reformen“ wie “Agenda 2010“ und „Hartz IV“ einen erheblichen Anteil an diesem „Jobwunder“ haben.

Keine Frage, die Schaffung von Arbeit ist sozial. Es geht aber nicht nur um den reinen Broterwerb, es geht auch um die Stabilität in der Gesellschaft und da stimmt die Balance nicht mehr.

Die Vermögenseinkommen stiegen seit Anfang dieses Jahrtausends um das Vierfache im Vergleich zu den Löhnen. 30% der Bevölkerung in Deutschland besitzt nichts oder hat Schulden. Wer arbeitslos wird, dem ist das Abgleiten in die Armut sicher, auch wenn man höher qualifiziert ist. Die Chancen, durch Bildung den sozialen Aufstieg zu schaffen sind schwerer bis unmöglich geworden.

Der Wohnungsmarkt tut ein Übriges. Ein Geringverdiener hat derzeit keine Chance mit seinem Einkommen eine bezahlbare Wohnung, zu finden.

Das Empfinden der allgemeinen Gerechtigkeit und des sozialen Gleichgewichts ist ein Garant für den sozialen Frieden in Deutschland. Wenn dies bei einer Gesellschaft ins Rutschen kommt, kann sie nicht mehr friedlich kooperieren. Dieser „Kitt“ wird immer wichtiger, weil der verfügbare Wohlstand für viele in absehbarer Zeit eher stagnieren als zunehmen wird. Gibt es weniger Wohlstand dann werden die Verteilungskonflikte härter. Wie soll man sich sonst das Erstarken der populistischen Rechten in Deutschland und Europa erklären?

Viele von Euch werden jetzt denken: „Was geht das eigentlich mich an? Mir geht es doch gut!“

Ja, mag stimmen. Für den Moment ist das wohl richtig. Doch meint Ihr die Zukunft wird leichter werden? Nicht nur bei uns sollte man sich klar sein, dass man nicht noch einmal zulassen darf, was 1933 geschah  –  die Folgen sollten jedem klar sein!!!

Industrie 4.0

Die Industrie steht weltweit vor einem gewaltigen Umbruch. Man nennt dieses Vorhaben „Industrie 4.0“. Es werden weltweit alle bisherigen Formen der Organisation infrage gestellt. Somit auch alle bisherigen Formen des Arbeitens. Auch die Kollegen die Glauben das ihre Jobs besonders qualifiziert sind und sich deshalb für „unabkömmlich“ halten, stehen in absehbarer Zeit auf dem Prüfstand.

Wir sind hier keine Insel der Glückseligkeit, leider nicht!

Dass es mit dem Fortschreiten der Elektrifizierung des Antriebs zu einer deutlichen Verringerung der Arbeitsplätze kommt, sollte mittlerweile auch jeder mitbekommen haben!

Deshalb geht es uns alle an; auch in diesem Werk.

Die alternative ist nach wie vor die einzige Fraktion, die Euch nicht nach dem Mund redet, sondern sagt was Sache ist und eine alternative Politik daraus entwickelt und sich nicht durch Anpassung an irgendwelchen anderen oder eigennützigen Interessen, profilieren wird!!!

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit

Eure alternative