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Rede vom 12.03.2019

Rede Betriebsversammlung 12.03.2019

Ulf Wittkowski für die alternative

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Arbeit und Gesundheit, oder auch Gesundheit und Arbeit stehen in einer Wechselbeziehung und sind für uns von existentieller Bedeutung. Viele Arbeitsbedingungen haben sich geändert. Während sich durch die Flexibilisierung auch Freiräume ergeben haben, ist doch der Druck auf die Arbeitsplätze erheblich größer geworden.

Vielleicht kann sich ja noch der ein oder andere an die 80’iger und 90’ziger Jahre erinnern. Da ging es noch um Verbesserung der Arbeitsbedingungen und um die Verkürzung der Arbeitszeit. Da war uns noch klar, dass Gesundheit einen hohen Stellenwert hat und dass wir „arbeiten um zu leben“ und davon träumten, dass Nachtarbeit bald der Vergangenheit angehört. Doch das sollte sich bald als Trugbild herausstellen. Unsere Arbeitszeit wurde und wird immer mehr den Produktionsbedingungen angepasst. „Samstags gehört Vati mir“ auf Plakaten mit glänzenden Kinderaugen sind heute nichts weiter als Geschichte, denn auch der Sonntag wird immer mehr zum Arbeitstag.

Zugegeben manchmal dachte ich nun kann sich etwas zu unseren Gunsten verändern. Das war als bei Daimler das MPS (Mercedes Produktions-System) mit Gruppenarbeit eingeführt wurde. Doch schon bald wurde die Gruppenarbeit wieder zerstückelt, die Arbeit wieder stärker taylorisiert (Arbeit in kleinere einzelne Schritte aufteilen)und die Gruppensprecher vom Meister bestimmt. Ich hatte schon Befürchtung, dass sich eine freiere Gesellschaft entwickeln könnte. Die Arbeitsweise bestimmt auch die Gesellschaftsform. Doch dies erkannte auch das Unternehmen und steuerte rigoros um.

Heute verkaufen sie uns Gesundheitsprogramme, die beim genaueren Hinsehen nur davon ablenken, dass sie olympiareife Mannschaften haben wollen und daran arbeitet unser Unternehmen wirklich konstant.

Das trifft besonders Kollegen mit Schwerbehinderung und Einsatz­einschränkungen. Sie müssen einen ständigen Spießrutenlaufen machen. Beim BEM Gespräch werden sie behandelt, als wenn sie dem Unternehmen etwas schulden, anstatt das der gesetzliche Auftrag wahrgenommen wird und die Arbeitsbedingungen so geändert werden das die Kollegen nicht ständig ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Da werden lieber Arbeitsplätze vernichtet und fremdvergeben, anstatt sie Menschen zu geben die dann leidensgerecht arbeiten könnten. Der Profit steht über allen.

Arbeit und Gesundheit

Arbeit darf nicht krank machen. Das sieht das Unternehmen etwas anders. Die Beschäftigten sollen nicht krank sein, weil das dem Unternehmen Geld kostet. So agiert leider auch die Politik. Um möglichst große Gewinne zu realisieren, ist die paritätische Finan­zierung der Sozialversicherungen gekippt worden. Selbst gesetzliche Auflagen wie das BEM Gespräch werden oft als Anklage gehalten. In erster Linie werden den Kollegen aufgetragen Änderungen vorzu­nehmen, doch die nötigen Änderungen im Arbeitsumfeld lassen meist auf sich warten.

Noch ungünstiger für Kollegen ist wenn sie Einschränkungen haben oder sogar Schwerbehindert sind. Immer wieder werden Arbeitsplatz­begehungen gemacht, oft die gleichen Arbeitsplätze. Da werden immer wieder die gleichen Kommentare abgegeben. Man ist schon froh wenn überhaupt ein Arbeitsplatz mit den richtigen Bedingungen gefunden wird.

Ich habe gerade vor kurzen eine Arbeitsplatzbegehung mitgemacht, die das ganze Unterstreicht. Anlass die verleihende Abteilung will eine Verleihung beenden. Nur so nebenbei, der betroffene Kollege ist schon seit drei Jahren verliehen. Auf den jetzigen Arbeitsplatz hat der Kollege sich mit großen Einsatz eingebracht und auch einige Lehrgänge gemacht, um dort richtig zu helfen. Er kommt gut auf diesen Arbeitsplatz zurecht und ist kaum noch Krank, obwohl er an einer heimtückischen Krankheit leidet. Jetzt wird er wieder von seinem alten Bereich angefordert. Der Kollege steht fürchterlich unter Druck. Nun wird ihm vom werksäztlichen Dienst (WD) gesagt, er solle sich doch den Arbeitsplatz mal ansehen, obwohl es sich um den gleichen Arbeitsplatz handelt, den er verlassen hatte weil er den mit seiner Behinderung nicht mehr ausführen konnte. Es ist schon sehr fraglich warum er nicht fest auf den Arbeitsplatz übernommen wird an dem er, wie es das Unternehmen will seinen Profit bringt – und auch schon laut Tarifvertrag hätte übernommen werden müssen! Noch fraglicher ist, dass er vom WD keine Unterstützung erhält. Denn den gleichen Arbeitsplatz wieder anzubieten ist aus meiner Sicht nur noch als Schikane oder Mobbing zu bezeichnen. Aber es gibt keinen Verantwortlichen mehr der den Arsch in der Hose hat und den Kollegen unterstützt und ihn auf den jetzigen Arbeitsplatz übernimmt. Leider wird dieses Spiel immer häufiger gespielt. Im Werk Hamburg werden immer mehr „Schattenarbeitsplätze geschaffen“. Grund ist aus Stuttgart werden Arbeitsplätze nicht genehmigt. Bei den Vorgesetzten gilt in Bezug auf die Arbeit: “Geht nicht gibt es nicht“ also schaffen sie „Schattenarbeitsplätze“ um die Arbeit dennoch zu erledigen. Da es diese Arbeitsplätze offiziell nicht gibt können sie auch nicht richtig besetzt werden. Übrigens die jetzige Arbeit die der Kollege ausübt ist mit Sicherheit noch länger nötig!!!

Das straft jedem betrieblichen Gesundheitsprogramm lügen.

Es ist auch nicht verwunderlich, wenn Arbeitsplätze die extra für Mitarbeiter mit Einsatzeinschränkungen geschaffen worden fremd vergeben werden. Das Unternehmen will wohl solche Arbeitsplätze nicht mehr haben und anbieten. Sie erhoffen sich wohl die Recht­sprechung auf ihre Seite zu ziehen. Noch spricht jedes Arbeits­gericht dem Mitarbeiter recht der einen leidensgerechten Arbeitsplatz einklagt. Ein Werk unserer Größe muss in der Lage sein entsprechende Arbeitsplätze bereitzustellen.

So werden z.B. in der Q 2 Arbeitsplätze für Schwerbehinderte, die das Integrationsamt finanziert hat, nach wenigen Jahren wieder abgebaut, obwohl wir mehrere Kollegen hätten die darauf gut ihre Arbeit verrichten könnten. Es ist also, ohne noch weitere Beispiele zu nennen offensichtlich, dass Kollegen die nicht mehr ganz gesund sind hier heraus gedrängt werden sollen und alle, außer der Betriebsrat machen mit. Das hatten wir schon in den 90’er Jahren geahnt, als die Unternehmer olympiareife Mannschaften haben wollten. Wir sehen sie haben einen langen Atem und so wie es aussieht ihr Ziel bald erreicht.

Auch in anderer Hinsicht optimiert Daimler seine Prozesse.

Die Krankmeldungen müssen nach Stuttgart geschickt werden, weil sie dort eingescannt werden. Es kommt dadurch zu größeren Verzögerungen bei der Erfassung, Warum nicht eine wirkliche Optimierung? Wir scannen unsere Krankmeldungen selber ein. Dann entfällt der Arbeitsprozess für das Unternehmen und unsere Zeitkonten könnten in Echtzeit gepflegt werden.

Wieso bekommen wir nach Krankengeldbezug erst einen Monat später eine Abrechnung, selbst wenn wir 2/3 des Monats gearbeitet haben? Dank der neuen Technologien wäre das anders machbar. Doch lieber lassen sie uns auf den Schaden sitzen, als das das Unternehmen uns traut und wirklich die Prozesse optimiert.

Ihr seht, das Unternehmen benutzt uns nur! Auf der anderen Seite Leben wir in einer Umbruchszeit und sie brauchen uns noch um in das neue Zeitalter zu kommen. Das ist wohl die letzte große Chance die wir noch haben unsere Ausgangsposition für die Zukunft zu verbessern!

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit

Eure alternative