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Referate und Aufsätze

Leiharbeit     von Ralf Maurischat

ERA Referat

ERA /aus Express

Leiharbeit v. Ralf Maurischat

Kolleginnen und Kollegen,

wir wollen Euch mal zum  Thema Liberalisierung des Arbeitsmarkts und

Zeitarbeit ein paar Gedanken näher bringen, über die die Unternehmen und

die Politik gerne schweigen.

Denn wie ist es erklärbar, dass in einer Zeit prosperierender Wirtschaft (die jetzt übrigens zu Ende geht) Arbeitsplätze fast nur von Zeitarbeitern im Niedriglohnsektor besetzt werden?

Seit der „Agenda 2010“, die die rotgrüne Schröder-Regierung vor etwa 15 Jahren eingeführt hat, liegt die Besetzung von Arbeitsplätzen durch Leiharbeit deutlich höher als bei normalen Arbeitsverhältnissen.

Nun, es hat was von: „Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los.“

In einer nur um die Themen Auftragsspitzen und Personalpuffer kreisenden Diskussion wird entweder völlig verkannt oder nur zu gern verschwiegen, dass das ausgeweitete Angebot an flexibel verfügbarer Arbeitskraft die Nachfrage nach ihr großenteils erst schafft, die angeblich bedient werden muss. Oder einfacher gesagt: Den Bedarf an Leiharbeitern gibt es erst seit es Leiharbeit gibt. Es ist ein System das sich selbst befeuert. Unternehmen, vor allem große Unternehmen, sind oft entscheidungsträge und Manager, die es sich gerne einfach machen, sind nicht zu vorausschauender Personalplanung gezwungen.

Als Beispiel für eine derartige Personalpolitik kann aktuell der Fall Bombardier dienen. Das Unternehmen stellt Schienenfahrzeuge her und ist seit einiger Zeit bestrebt, Personal abzubauen und durch Leiharbeit zu ersetzen obwohl die Auftragsbücher voll sind.

Unternehmen lieben eben Personalkostenreduktionen. Möglichkeiten des Zugriffs auf billige Arbeitskräfte werden daher bis an die Grenze des juristisch Machbaren (und nicht selten darüber hinaus) ausgereizt. Da werden um den Preis der Wettbewerbsfähigkeit eben alle Möglichkeiten genutzt, die der Arbeitsmarkt und der Gesetzgeber hergeben.

Apropos Gesetzgeber. Wir haben eine Arbeitsmarktpolitik, die die Qualität der Beschäftigungsförderung an möglichst hohen Vermittlungsquoten misst und sich auf der uneingeschränkten Zumutbarkeit jeglicher Arbeit gründet. Gut 20 Prozent aller Arbeitsaufnahmen von Arbeitslosengeld 2-BezieherInnen entfielen im Jahr 2013 auf Jobs in der Arbeitnehmer-überlassung. Der Verdacht liegt mehr als nahe, dass BezieherInnen von Arbeitslosengeld 2-Leistungen (Hartz IV) regelrecht in die Leiharbeit gedrängt werden. Schließlich ist es Ziel der für das Handeln der BA maßgeblichen aktivierenden Arbeitsmarktpolitik, Arbeitslose so schnell wie möglich wieder in den Arbeitsmarkt zurückzubringen. Das geschieht, indem man einerseits den Zugang und die Gewährung von Unterstützungsleistungen während der Arbeitslosigkeit rigide einschränkt und andererseits ihren Bezug unter Sanktionsdrohungen davon abhängig macht, dass Leistungsempfänger jede sich bietende Gelegenheit zur Arbeitsaufnahme nutzen. Für die Verleihbranche sind das rosige Zeiten, wenn Erwerbslose gezwungen sind, nahezu jede (auch unqualifizierte und schlecht entlohnte) Arbeit anzunehmen.

Nein, das Problem ist nicht eines von bedauerlichen oder kritikwürdigen Fehlanwendungen. Es ist ein systemisches, denn der Missbrauch von Arbeitskräften selbst ist das System, ohne das die Verleiherei gar nicht derart raumgreifend funktionieren könnte. Es gibt keinen Missbrauch der Leiharbeit, es gibt einen Missbrauch durch Leiharbeit.

Und wenn ihr euch jetzt fragt: „Was geht das mich an?“ So bedenkt bitte, dass wir eine(!) Gesellschaft sind. Ähnliche Verhältnisse hatten wir schon mal zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wohin diese Zeit geführt hat, sollten wir uns erinnern. Der eigene Wohlstand ist kein Maßstab für die gesamte Gesellschaft.

Wir würden uns freuen, wenn Ihr da mal drüber nachdenken würdet.